entscheidung

am anfang waren
du und ich

ich und du
wir beide teilten uns
einen apfel

du und ich wir
teilten uns ein leben
teilten uns eine wohnung
gaben uns ein wort

das wort zerfiel
obwohl es nur
aus einer silbe bestand
in zwei teile

wir kehrten dem paradies
den rücken
und gingen unsrer wege
jeder für sich

der Tisch des Herrn

auch ich habe
deinen Tisch verlassen
nach langer Zeit 
- so wie Mr. Cohen -
ich stelle meine Füße
nicht mehr unter deinen Tisch
kann nun tun und lassen
was ich will
ohne dich zu fragen
ohne dir Rechenschaft
abzulegen

aber wer weiß

vielleicht gibt es einen Vertrag
zwischen dir und mir
den nur du kennst
der mich in deiner Nähe hält
- es gibt Wunder sagt man -
vielleicht
bist du ich und
ich bin du und
wir sind eins und
wir können nicht ohne
einander

brüderlein, komm

assemblage: steffen hahn
brüderlein komm
tanz mit mir
meinen schuh den
reich ich dir
lass uns singen
tanzen springen
bis der schöne
schuh zerschellt
an der schnöden
kalten welt

Mutter hat gesagt

Mutter hat gesagt
wenn ich sie nicht richtig
mag

dann wickeln sich meine
Prinzessinnenhaare
um den kahlen Winterast
und ich baumle im eisigen Wind
bis meine Füße ganz blau
gefroren sind

da habe ich sie
einen scharfen Moment lang
fast gezielt
gehasst

(angeregt durch ein Schnipselgedicht von Herta Müller) 

assemblage: steffen hahn

Herbstzeitlosen


stolze Göttinnen
wachsen
in meinem Garten
herbstzeitlos
sind ihre Brüste
für immer jung
ihr wildes Haar
und ihre Küsse
bringen den Himmel
zum Erröten



plötzliche Begegnung mit dem Schnee von gestern


wie Schnee von gestern
schmelzen
verblichene Tapeten aus den Wänden
überfällt dich
der Geruch der alten Schule
die dich in Schönschrift
kaserniert hat
statt dich mit Fingerfarben
dichten zu lehren

gestern ist heute
bleibt dir für immer






berlin, das ist ...

udo lindenberg hat "cello"
nur für dich allein auf dem
behindertenklo von kaufland gesungen
es war viel platz und alles
sah ziemlich sauber
und grundverlässlich aus

dann das getöse des grauens ...

der flieger zum greifen nah
am himmel über tegel
pack ihn bezwing ihn
sei sisyphos und trag ihn
die paar lächerlichen kilometer
bis zum landeplatz

damit es ruhe gibt ...

du beneidest die nebelkrähe
die unbeeindruckt mitten auf dem gehweg
pickt was das zeug hält
sie ist berlinerin durch und durch
icke och icke och kräht sie
und eilt dem flieger nach

endlich (nicht nur) du im schoß der u-bahn ...

an gefühlt jeder zweiten station
steigt ein wohnsitzloser alexander zu
und bittet um eine einzige münze und
es bezeichnet den grad deiner erschöpfung
ob du in deine tasche greifst oder nur
wortlos in dich versinkst

allein das "ave maria" des
volltönenden bariton zwischen
botanischem garten und wannsee
richtet dich wieder auf
zu voller größe
du fühlst dich  g a n z

BERLIN ...