Sehnsucht

Sie war mir einen Schritt voraus
Nun sind wir auf gleicher Höhe, zwei Schwestern
Und gehen gemeinsam

.

she was one step ahead
now we are sisters
walking together


strange fruits

seltsame früchte
träumen sich hin zur reife
im baum der erkenntnis /
zu früh gepflückt
lösen sie sich auf
in nichts

Berner Übereinkunft zur Bestrafung von Fluggästen

Mein kostbares Schweizer Messer ist in China geblieben.
Wahrscheinlich ritzt sich genau in diesem Moment irgendwo ein junger Chinese die Haut mit meinem Schweizer Messer. Oder er schneidet sich damit die Nudeln in der Nudelsuppe.  Letzteres wäre mir lieber. Es ist keine schöne Vorstellung, dass sich ein junger Chinese mit meinem Messer selbst verletzt.
Aber – es ist jetzt nicht mehr mein Messer. Es kann also machen, was es will. Nudeln schneiden oder ritzen.
Warum es in China geblieben ist?
Weil ich so dämlich war es ins Handgepäck zu packen statt in den Koffer. Und Dummheit wird gemeinhin bestraft. Als Ersatz hätte ich mir beim Verlassen des Flughafens am Zielort ein neues, altes Feuerzeug aus einem durchsichtigen Behälter mit vielen bunten Feuerzeugen holen können. Einfach so, ein mir vollkommen fremdes Feuerzeug. Weil irgendein nikotinsüchtiger Chinese genauso dämlich war wie ich und sein Feuerzeug im Handgepäck verstaut hatte.

Flughäfen sind international, Dummheit auch. Ohne Ansehn der Volkszugehörigkeit wird sie auf der ganzen Welt gleich bestraft. Zumindest auf den Flughäfen. Nur gibt es keinen Behälter mit verlassenen Schweizer Messern. Pech ...

Blick in die Zukunft

Rastlos. Ratlos vorm Kühlschrank. Milch, Butter, Joghurt. Immerhin. Trotzdem - erinnert irgendwie an die Kühlschränke der Fernseh-Ermittler. Die kommen spät abends heim und treffen nur noch auf ein einsames Dosenbier. Ist das da wirklich meiner? Wohne ich hier? Unten im Gemüsefach ein verschrumpeltes Gurkenende. Und ein Fläschchen Sojasauce in Schräglage. Das muss von mir sein. Halt, da – Bautzener Senf. Gekauft mit der Vorstellung von Knast. Und das geschenkte Glas selbstgemachter Erdbeermarmelade, das nie leer wird. Inhalt schon leicht angegraut.  Bin das wirklich ich? Der letzte Rest Reibkäse kurz vorm Schimmeln. Könnte schlimmer sein. Die billige Flasche Weißwein,  noch ungeöffnet.
Es gibt eine Zukunft. Auch ohne Dosenbier.
Restlos glücklich.

... und aus bist du

Wir waren die Augensterne
der Mutter, ritten auf  Vaters Knie
in die Welt. Wir waren Nomaden,
ihr Atem war uns schützendes Zelt.
Gerüche waren uns Freund oder Feind,
niemals lau. Und Hände, groß und rau,
ließen uns knistern wie unter Strom.
Wir hüpften den Weg statt zu laufen.
Wir fielen, die Narben verheilten kaum.
Junge Tiere waren wir, wild
unsere Freude, ungezähmt unser Leid.  
Wir waren Störfaktoren, Kraftwerke
strahlend, voll Energie. Mit der Zeit
verloren wir das Lachen
wie Mutters zu großen Schuh.
Wir verdrängten das Weinen.
Und aus bin ich. Und aus bist du.

Jazz

Wind in den Wiesen
in so vielen
Weisen grün der Frühling
kaum zu fassen
die gelben Blätter
der Rot-Eiche
lachen zum Himmel
empor
heb dein Gesicht
zur Sonne

der Garten der Kindheit

ist doch
der Garten in mir
jetzt
die schlanken schwarzen
Tulpen /  zartblaue Wolken
von Vergissmeinnicht / Iris
in allen Farben / regenbogengleich
und Akeleien die feinen
die stets so tun
als ob

ist doch
der Garten in mir
jetzt
in dieser Zeit des Regens


Jeannette Frei, Frühling 2012 (Ausschnitt)